Barfuss die Welt entdecken, auf der es sich gut stehen lässt. Warum nackte Füße von besonderer Bedeutung für die Entwicklung deines Babys sind.
Ein Beitrag von DORIS VOCK - Sportwissenschafterin und Trainingstherapeutin mit Fortbildungen zur Pikler- und Hengstenbergarbeit.
Füße. Die meiste Zeit bleiben sie in Socken und Schuhe verpackt, bekommen wenig Aufmerksamkeit und Luft und sind die Körperteile, die am weitesten von unserem Kopf entfernt sind.
Dabei bilden die Füße unser Fundament – die Basis unseres Stehens, unserer Aufrichtung, unserer EigenSTÄNDigkeit. Sie tragen uns durchs Leben.
Seit ich mich mit Bewegung beschäftige, habe ich ein besonderes Interesse an den Füßen. Durch die Auseinandersetzung mit der kindlichen Bewegungsentwicklung hat sich meine Perspektive noch einmal erweitert und die Art meiner Begleitung verändert.
Warum Babyfüße öfters barfuß sein sollen?
Babyfüße im Mutterbauch und frisch auf der Welt angekommen
In der zusammengerollten Stellung, die Babys im Mutterbauch und auch noch einige Zeit danach haben, sind die Füße sehr nah am Körper dran und wenn wir genau beobachten, können wir erkennen, wie die Babyfüße immer wieder in Kontakt mit dem "restlichen" Körper kommen und wie auch das rechte Füßchen mit den linken Kontakt sucht. Das Baby erspürt dadurch seinen Körper. Und ein bisschen später, Stück für Stück beginnt der Säugling, mit den Sohlen Kontakt zum Boden aufzunehmen, sie aufzusetzen und den Abdruck zu nutzen, um Beckenbewegungen und das Drehen des Rumpfes einzuleiten.
Für all diese Erfahrungen braucht es die Möglichkeit zu spüren – barfuß. Je "eingepackter" die Füße sind, desto mehr trennen die Fußsohlen des Babys vom Untergrund. Desto eingeschränkter sind seine Möglichkeiten, den Boden zu "begreifen".
Sobald das Kind die Füße aufsetzt, ist außerdem eine feste Unterlage die beste Unterstützung. In weichen Materialien verpufft seine Anstrengung und bleibt wirkungslos. Ein zu weicher Untergrund (wie z.B eine dicke, weiche Krabbeldecke) gibt den Babyfüßen eine verzerrte Rückmeldung.
Was Babyfüße mit der Rücken- und Bauchlage zu tun haben
Wenn Babys lange die Möglichkeit haben in der Rückenlage zu bleiben (und nicht mit anderen Positionen gefordert werden), setzen sie die Füße auch zum Greifen, Tasten und Halten von größeren Gegenständen ein. Sie sind mit ihrem ganzen Körper – wortwörtlich von Kopf bis Fuß – in Verbindung mit ihrem Tun.

In der Bauchlage angekommen, braucht es manchmal eine kleine Weile, bis Füße und Beine für das Vorwärtsschieben zusammenarbeiten. Bieten wir Kindern kleine schiefe Ebenen aus festen Materialien (z.B. das Pikler Podest mit den Rampen oder ein kurzes niedriges Rutschbrett) an, kommen auch die Zehen aktiv zum Einsatz, wenn sich das Kind hochschiebt.
Barfüßige Babyfüße kommen ins Stehen
Begibt sich das Kind dann auf seine Art und Weise in die Senkrechte, trägt der Fuß zum ersten Mal das Körpergewicht. Vor lauter Freude wollen viele Erwachsene es an den Händen fassen und mit ihm durch die Welt laufen. Wir können aber auch leise dabeibleiben und darüber staunen, wie das Kind Fuß fasst, seinen Körper mit vielfältigen Versuchen vorbereitet und sich durch Variationen seine Achsenausrichtung erarbeitet.

Je häufiger du es deinem Kind ermöglichst, dass es barfuß den Boden mit seinen unterschiedlichen Begebenheiten ertasten kann, desto stabiler wird das Ankommen und Bewegen deines Kindes hier auf Erden. Natürlich gibt es Situationen - wie sehr kalte Böden oder ein schnupfiges, krankes Kind - in denen es sich einfach richtiger anfühlt, die Füße warm einzupacken.
So oft du aber die Gelegenheit hast, ermögliche es deinem Kind barfuß zu krabbeln, zu laufen, zu klettern. Eine gute Möglichkeit ist es, dass du seine Knöchel mit warmen Stulpen "schützt". Der Knöchel ist nämlich (gemeinsam mit dem Nacken) der Punkt, an dem die Kälte in den Körper eindringen kann.

Barfuß sein, die Grundlage der Hengstenberg Bewegungsarbeit
Eine weitere Info zur Entwicklung der Beine: Die Beinachse hat bei Kindern, die in die Aufrichtung kommen, häufig noch eine O-Form – geprägt durch die Stellung im Mutterbauch, den Einsatz der Beine zum Tasten und die hohe Beweglichkeit in den Hüftgelenken. Im Lauf der Entwicklung über das Kindergarten- und Volksschulalter pendelt diese Achse durchaus ein wenig ins X, da durch die Druckverteilung am Unterschenkel der Knochen einseitig stärker wächst. Findet der Fuß guten Stand, pendelt sich diese Achse allmählich in einem funktionellen Lot ein.
Genau in diesem Finden der Beinachse leistet die Bewegungsarbeit von Elfriede Hengstenberg einen wertvollen Beitrag in der Begleitung: durch Balancieren und vielfältige Anregungen zum Experimentieren mit dem Stand gelangen Kinder (und auch Erwachsene) zu einem neuen SelbstverSTÄNDnis. Die Beschäftigung mit den Füßen und dem Ausbalancieren des Körpergewichts auf einem Bein – wie es ja bei jedem unserer Schritte unbewusst stattfindet – führt uns vom äußeren auch in ein inneres Gleichgewicht. Es beeinflusst die Art, wie wir „im Leben stehen“ und „für uns einstehen“.



Mehr barfuß für die Großen. Wie geht es Erwachsenen mit ihren Füßen?
In die Trainingstherapie kommen Erwachsene mit eingesunkenen Fußgewölben, verkrümmten Zehen und unbeweglichen Gelenken zu mir – auch da sind Veränderungen möglich. Es braucht Zeit, Interesse, Konsequenz bei kleinen Übungen – und eine Portion spielerische Entdeckerfreude. Dann können sich die Füße wieder vertrauensvoll auf den Boden einlassen und bilden so die Basis, um aufgerichtet und würdevoll durchs Leben zu gehen.
....Herzlichen DANK, liebe Doris, für deinen hilfreichen Beitrag!
Wenn du Interesse an Fortbildungen zur Hengstenbergarbeit oder generell zur Bewegungsentwicklung hast, findest du im Raum für Entfaltung wertvolle Angebote von Doris.
